Leben

Die Weisheit des neu geborenen Kindes


und wie sie uns einen Weg in eine gute Zukunft weist.

Die Weisheit eines neugeborenen Kindes entspringt seinem lebendigen Körper mit alle seinen nach innen und außen gerichteten Sinnen, den Bedürfnissen aller Zellen und Organen. Eine gänzlich allumfassende Sinnlichkeit, die für sich selbst ein komplexes Netz der Bereitschaften zu Beziehungen ist und aus der sich ein komplexes Netz aus Beziehungen und Bedeutungen bezüglich seiner Umwelt entwickeln wird.

„In den frühesten Stadien nach der Geburt lebt ein Kleinkind in einem Bewusstseinszustand, der nur aus Empfindung besteht; ihm fehlt die Fähigkeit vernuftmäßigen Denkens, der bewussten Erinnerung, des Nachdenkens oder Beurteilens. Man kann es wohl eher «empfindend» denn «bewusst» nennen.“ schreibt Jean Liedloff in ihrem Buch „The Continuum Concept: In Search of Happiness Lost“, das zu lesen ich dir wärmstens empfehle.

Nun sind die Empfindungen von Kleinkindern nicht zufällig, zusammenhanglos oder gar wertlos. Die Art und Weise wie ein Kleinkind empfindet, hat sich, gemeinsam mit seinem menschlichen Körper über Jahrmillionen hindurch als unfassbar feiner und kenntnissreicher Seelenbereich entwickelt. Im Kleinkindalter sind Körper und Seele, Innen und Aussen noch eins und das Empfinden, ob uns etwas mehr oder weniger gut tut oder nicht gut tut entspricht dem altüberlieferten Kontinuum unserer Gattung, wie es den Neigungen und Erwartungen unser Gattung angemessen ist.

„Erwartungen in diesem Sinne sind so tief im Menschen verwurzelt wie seine Struktur selbst. Seine Lungen haben nicht nur, sondern man kann sagen: Sie sind die Erwartung von Luft: seine Augen sind die Erwartung von Lichtstrahlen jener spezifischen Wellenbereichen, welche das, was für ihn nützlich zu sehen ist, zu den Zeiten aussendet, zu denen Sehen seiner Gattung angemessen ist. Seine Ohren sind die Erwartung von Schwingungen, hervorgerufen durch die Ereignisse, die ihn wahrscheinlich am ehesten betreffen, einschließlich der Stimmen anderer Menschen; und seine eigene Stimme ist die Erwartung von Ohren, die bei den anderen ähnlich wie die seinen funktionieren. Die Liste kann bis ins Unendliche erweitert werden: wasserdicht Haut und Haare – Erwartung von Regen; Haare in der Nase – Erwartung von Staub; Pigmentierung der Haut – Erwartung von Sonne; Schweißabsonderungsmechanismus – Erwartung von Hitze; Gerinnungsmechanismus – Erwartung von Verletzungen an der Körperoberfläche; das eine Geschlecht – Erwartung des anderen; Reflexmechanismus – Erwartung der Notwendigkeit schnellen Reagierens in Notfällen.“ schreibt Jean Liedloff.

Was Jean Liedloff als ‚Erwartung‘ bezeichnet, verstehe ich in etwa als ‚eine Hoffnung oder ein Drängen sich zu manifestieren‘ was einem Sehnen gleichkommt. Dort, wo das Sehnen des Kleinkindes durch Erleben bestätigt wird, entstehen im Gehirn glückliche Erfahrungen. Dieses Glück ist dem ‚Belohnungsmechanismus‘ im Gehirn zu verdanken, dass Übereinstimmung belohnt. So wird es sich, der Freude der Übereinstimmung folgend, am Beispiel seiner Mitmenschen in die Gemeinschaft hineinentwickeln. Dort, wo kein Erleben das Sehnen bestätigt, bleibt eine Dissonanz zurück. Es werden keine bestätigende Erfahrungen mit seinem Sehnen gemacht und das Gehirn entwickelt eine Übereinstimmungen des Fehlens. Es erfährt die Dissonanz in seiner Umgebung im Inneren und sie breitet sich auf seine innere Welt aus. Da entsteht z.B. das wage Gefühl ‚da stimmt etwas nicht mit mir‘, was für das Kleinkind das Gleiche bedeutet wie ‚da stimmt etwas nicht mit der Welt‘, wie gesagt, das Kleinkind unterscheidet nicht zwischen Innen und Außen.

Ein Beispiel. Das Kind hat gerade gelernt Fahrrad zu fahren. Stolz fährt es die Garagenauffahrt runter, wo der Vater gerade das neue Auto wäscht. Das Kind stürzt und das kleine Fahrrad schlägt gegen das Auto und hinterlässt eine Schramme im Lack. Das Kind weint, da es sich das Knie verletzt hat. Der Vater schaut aber nur auf die Schramme am Auto und schimpft das Kind aus. Die Botschaft ist für das Kind eindeutig. Die Verletzung am Auto ist wichtiger als meine Verletzung. Das Auto ist mehr wert als ich. Mein Schmerz ist wertlos und mein Weinen ist wertlos. In dem Kind entsteht eine Dissonanz, die ganz tief in seinem Inneren als existenzielle bedeutende Enttäuschung verankert wird. Wird diese Enttäuschung nicht geheilt oder mir anderen Erfahrungen entkräftet, wächst ein Mensch heran, für den die Dinge mehr wert sind als die Menschen. Betrachten wir diesen einfachen Zusammenhang, können wir das Wesen des Materialismus in der Welt erkennen: Die Enttäuschung über das Fehlen von Mitgefühl und Führsorge, die das Kontinuum über viele hunfderttausende von Jahren in unserem Menschsein angelegt hat und das zum Leben in Gemeinschaften untrennbar dazugehört.

Beim Heranwachsen lernt das Kleinkind sprechen indem es seinen Mitmenschen zuhört. Seine Erfahrungen können nun mehr und mehr benannt werden und werden so Teil jener Erinnerungen, die dem Denken zugänglich sind. Alles Unbenannte bleibt im Bereich des Unbewussten, außerhalb des Denkbaren. Es ist damit nicht unwirksam, wie man vermuten könnte. Das Bewusste können wir gestalten, das Unbewusste gestaltet uns, z.B. in dem Angst, Abneigung und Lust unsere Aufmerksamkeit bindet und unsere Affekte steuert. Über das Sprechen, wird Erleben Teil unserer Kultur. Verarmt unsere Fähigkeit zu Empfindungen, verarmt auch unsere Fähigkeit unsere Empfindungen mitzuteilen und es verarmt unsere Kultur.

Für hunderte von tausend Jahren lebten die Menschen im Kontinuum. Sie gaben ihr Wissen an die Kinder weiter in dem sie Geschichten erzählten und so blieb ihr Wissen immer mit dem Kontinuum verbunden und ihr Geist blieb durchlässig für ihre Empfindungen. Mehr noch, Geist bot die Möglichkeit den Empfindungen und den daraus wachsenden Beziehungen gemeinschaftlich Ausdruck zu geben. Damit entwickelte sich eine lebendige Kultur, belebt durch die Empfindungen der Menschen.

Ich will hier keine rückwärtsgewandte ideale Welt verkaufen. Das Leben bot alles, Frieden und Gewalt, Hunger und Erfüllung, Lust und Schmerz, Verletzung und Heilung und vieles mehr. Doch immer konnten die Menschen auf ihre Wahrnehmung vertrauen und auf ihre Empfindungen, ob etwas mehr oder weniger gut tut. Freude war Freude, Schmerz war Schmerz, Liebe war Liebe und Verlust war Verlust und jeder verstand das unmittelbar. Man fand Wege, aufkommende Dissonanzen gemeinschaftlich zu heilen und die Empfindungsfähigkeit der Menschen in der Gemeinschaft zu erhalten und damit einen weitgehend kohärenten Zustand. Die Beziehungen des Einzelnen zur Gemeinschaft und zur umgebenden Natur entwickelten sich auf natürliche Weise und, so wie alle sich natürlich selbstorganisierten Vorgänge, bewegen sie sich in Richtung Kohärenz solange die Systembedingungen einigermaßen konstant oder konstant rythmisch sind.

Auf meinen vielen Wanderungen durch die Wälder begenete ich einer einzelnen kleinen Blume, einem Buschwindröschen. Ihre Schönheit ließ mich stoppen. Ich kniete mich hin und schaute, schaute die leuchtend weiße Blüte, das mutige Grün ihrer Blätter und aufrichtige Kraft des Blütenstengels. Mitlerweile verband sich all mein Empfinden mit der kleinen Blume und die Grenze zwischen Innen und Außen wurde durchlässig. Da fühlte ich wie das Buschwindröschen auf seine spezielle Weise „antwortete“. Ich fühlte Wärme in meiner rechte Nierengegend, wie sie in die Gegend meiner Milz und meiner Gallenblase strömte. Das kleine Blümchen hat mir gezeigt, wie Menschen im Kontinuum nach Heilpflanzen suchen konnten und es hat mir die Liebe gezeigt, die im Kontinuum lebt:

Ich erlaube dir, dass du bist, wer du bist und ich erlaube dir, dass du mich in meinem Inneren berührst.

Es ist die Tür zur Schönheit und zur Wahrhaftigkeit des Kontinuum.

Mit Aufkommen der städtischen Kulturen in Folge der Entwicklung der Landwirtschaft, kamen Dissonazen auf, die nicht mehr geheilt wurden. Sie fanden Ausdruck in den Geschichten, die in der damaligen Zeit erzählt wurden. Die Vertreibung aus dem Paradies, die schon in der sumerischen Kultur erzählt wurde oder die Geschichte von Kain und Abel als Allegorie auf den Konflikt zwischen Nomaden und Sesshaften mit ihrem Anspruch auf Besitz.

Das Kontinuum zerfiel mehr und mehr. Der Grobheit von Macht und organisierter Gewalt konnte die Empfindungsfähigkeit in ihrer Feinheit nichts entgegensetzen. Dann entwickelte sich auch noch die wissenschaftliche Rationalität, die die Empfindungen als subjektiv ganz aus ihrer Betrachtung und ihrem Denken ausschloss, ein Denken, dass das Kontinuum endgültig in das Reich der Mythen und Legenden der Kindheit verbannte. Wissenschaft und Macht gingen eine unheilvolle Allianz ein und heute erleben wir das Kontinuum fast nur noch, wo es als Ware vermarktet werden kann. Millionen Menschen strömen in die Kinos und schauen „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „Avatar“, mich eingeschlosssen, und erleben die Reste ihrer Verbindung zum Kontinuum und das Leiden des Kontiniums und das Leiden an der eigenen Dissonanz im Leben.

Wenn das heranwachsende Kind seine Empfindungen nicht benennen lernt oder es die eigenen Empfindungen als wertlos erfährt, dann bleiben sie in der Unterwelt des Unbewussten und die mit ihnen verbundenen Dissonanzen werden Teil des Bildes, das es sich von der Welt macht. Je weiter die Dissonanzen das eigene Weltbild beherrschen, je weniger ist man immun gegen Beinflussung, Propaganda und andere Formen der Manipulation. Die Folgen können apokalyptische Ausmaße annehmen, wie die Geschichte Deutschlands in der Nazizeit zeigte und wie wir heute in Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine sehen können.

Ohne die Verbindung zum Kontinuum sind wir verloren, denn ohne diese Verbindung verlieren wir die Verbindung zu unserer Menschlichkeit und damit den Kompass, der uns in eine menschliche Zukunft leitet. Wir verlieren das, was unsere Intelligenz und unser Denken erdet, es an das Leben bindet. Hoffnung macht, dass die Verbindung zum Kontinuum wieder hergestellt werden kann. Es ist eine Art Rekultivierung unseres inneren Ökosystems. Wie ein Ökosystem, heilt das Kontinuum sich in uns selbst, wenn wir es vor schädlichem Einfluß bewahren und bei Bedarf ein wenig Starthilfe gewähren.

Will man das innere Ökosystem die Möglichkeit geben sich zu heilen, braucht es Mitgefühl und Würde. Das ist ja nichts Neues. Vor ca. 2500 Jahren hat es Buddha versucht den Menschen zu erklären oder vor ca. 2000 Jahren Jesus sowie viele Andere zu allen Zeiten.

Mitgefühl heist, du bist mit deinen Gefühlen und Empfindungen nicht allein. Es geht um Mitgefühl, nicht um Mitleid. Mitleid heist, ich füge deinem Leid mein Leid hinzu.

Die Würde eines Menschen liegt in seinen Möglichkeiten, sein Leben in seinem persönlichen Bereichen selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestallten.

Worum geht es beim Heilen bzgl. des Kontinuums? Es geht jedenfalls nicht darum, dass ein Arzt, Therapeut, Heiler oder sonst jemand etwas mit anderen Menschen macht. Das Prinzip des Kontinuumheilens ist sehr einfach. „Kommt ein geschlossenes System mit einem offenen System in Kontakt, öffnet sich das geschlossene System und die Energie beginnt zu fließen.“ sagt die Thermodynamik. Menschen denen es immer wieder verstehen ihren Mitmenschen in einer Haltungen der Liebe und der Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu begegnen, sind diese „offenen Systeme“, die Fluß des Lebens aufrecht erhalten. Mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz haben wir gelernt, das die Qualität der Intelligenz, ob natürlich oder künstlich, mit der Qualität der Anbindung an das Leben einher geht.

Ausblick auf eine gute Zukunft.

Eine gute Zukunft entsteht auf der Grundlage einer lebendigen Natur und guten Erinnerungen.

Je mehr Menschen sich um liebevolle und würdevolle Haltungen bemühen, desto größer ist die Chance, dass es auch gelingt. Ganz wichtig ist das gegenüber unseren Kleinkindern, denn die Empfindungsfähigkeit, die in der frühkindlichen Zeit zerstört wird, ist nur schwer zu heilen und sie hat fatale Folgen für unsere Umwelt und menschlichen Gemeinschaften.

Haltungen, die Heilung ermöglichen sind z.B.:

– Ich erkenne dein Erleben an. (Wie schon geschrieben, es geht um das eigene Erleben, nicht um das Erlebte. Wurde jemand verletzt, hilft es nicht die Tat anzuerkennen, es hilft das Leid des Verletzten anzuerkennen. Denn Heilung ist nur dann gänzlich Möglich, wenn der Verletzte selbst, sein Erleben anerkennen kann.)

– Ich erlaube dir, dass du bist wer du bist.

– Ich erlaube dir, dass du mich in meinem Inneren berührst, solange du mich nicht verletzt.

– Ich bin an deinem Wohlergehen interessiert.

– Ich erlaube dir, dass du dein Leben in allen persönlichen Bereichen selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestallten kannst. Insofern deine Entfaltung, die dadurch ermöglicht wird, auf die Entfaltung eines Anderen stösst, einigt euch, um gegenseitiges Einverständnis herzustellen und so gegenseitig eure Würde zu schützen. Um die Würde eines Menschen zu achten und zu schützen ist es von großer Bedeutung, sich um Einverständnis zu bemühen. Einverständnis schützt vor Verletzungen durch Entwürdigung. Von großer Bedeutung ist auch, sich nicht über Andere zu stellen, indem man ihnen z.B. ungefragt sagt, was gut für sie ist. (Um das Erleben eines Menschen anzuerkennen, sollte man es erst einmal wahrnehmen.)

– Sorge nach Möglichkeit für gute Erinnerung, bei dir und deinen Mitmenschen.

– Sorge nach Möglichkeit für eine lebendige natürliche Umwelt.


Vielen Dank fürs Lesen.